Was Blicke bewirken können
Kennen Sie das Gefühl der fragenden, bohrenden und neugierigen Blicke auf Ihrem Rücken? Spüren Sie oder glauben Sie zu wissen, dass über Sie getuschelt wird?
Mit Sicherheit kommen nicht alle Rheumatiker in solche Situationen. Aber viele, die von der Krankheit gezeichnet sind, kennen diese Verletzungen sehr wohl. Ein Patient der hinkt, da er sehr starke Arthrose in den Kniegelenken hat, ein Betroffener, der gebückt geht, da durch den Morbus Bechterew die Wirbelsäule schon versteifte, ein Polyarthritis Kranker, bei dem die Hände schon starke Deformierungen aufweisen. All dies sind Mitmenschen, die durch eine sehr harte Schule des Lebens gehen lernen mussten. Viele versuchen vor anderen Menschen ihr Leiden zu verbergen. Bemühen sich, nicht zu hinken, oder versuchen die Hände vor den Blicken der anderen zu verbergen.
Das Paradoxe ist, wenn man bei einem Rheumatiker die Erkrankung nicht tatsächlich sehen kann, so hat man es als Patient sehr schwer, glaubwürdig zu sein. „Du siehst ja so gesund aus, hast du wirklich Rheuma? In dem Alter?", diese oder ähnliche Bemerkungen kann sich so mancher anhören. Kein Wunder, dass viele Rheumapatienten sich aus dem Gesellschaftsleben zurückziehen. Ist man von einer schweren Krankheit sichtlich geprägt, so zweifelt zwar niemand mehr an der Tatsache der Erkrankung, aber dafür kommen die unnötigen, ja
oft schon dummen Kommentare.
„Sie, jetzt muss ich Sie etwas fragen: Haben Sie einmal einen
Unfall gehabt oder haben Sie diese Hände von Geburt an?“
„Mein Gott, Sie Arme, was haben sie nur mit Ihren Händen gemacht?“
Sie glauben, dass dies nicht wahr sein kann? Dass niemand so gedankenlos, taktlos und naiv ist? Es gibt noch viel schlimmere Bemerkungen!
Auch wenn Sie selber nicht so tragisch von einer Krankheit
geprägt sind, so beobachten Sie einmal, wenn Ihnen das nächste
Mal jemand mit einem Gebrechen begegnet, sich selbst und Ihr Umfeld. Mit Sicherheit ist es ganz selbstverständlich, dass ein
Mensch mit einer Behinderung die Blicke auf sich zieht. Aber wie reagieren Sie selbst? Damit ist jetzt nicht gemeint, dass sie den Betreffenden auf seine Krankheit ansprechen, sondern wie Sie
sich selbst fühlen. Weiß wirklich jemand wie man mit dem Betroffenen umgeht, um ganz „normal“ zu wirken? Ist nicht eine innere Unsicherheit da, wie man reagieren soll? Bestimmt nicht dumme Neugierde, aber ein unsicheres Gefühl ist sicher vorhanden.
Dabei hat ein erfahrener und selbstbewusster Patient sicher keine Probleme damit, auf ehrliche und ernst gemeinte Fragen antworten. Wie jedoch geht man mit fragenden, neugierigen Blicken um? Es ist ein Lernprozess. Eine extrem harte Schule der Erfahrungen, das Lernen mit dem Umgang und dem Akzeptieren der Krankheit. Solange man sich selbst so nicht annehmen kann, solange darf man nicht erwarten, dass die Mitmenschen es tun. Erst wenn man gelernt hat, mit der Diagnose, den Schmerzen und den (vielleicht) ersichtlichen Veränderungen des Körpers ein lebenswertes Leben zu führen, erst dann ergibt sich auch alles andere wie von selbst. Man beginnt zu selektieren, welche Fragen ernst gemeint sind und welche nur die Neugierde betreffen. Oder – auch eine Taktik – man ignoriert die Blicke und Fragen einfach, wenn man keine Lust hat darauf zu reagieren.
Irgendwann ergibt es sich, dass einem die Leute die einen kennen,
so annehmen wie man ist und die Kleinigkeiten, wie ein Hinken,
gar nicht mehr wahrnehmen. Und sollte sich doch einmal von einem
Unbekannten ein fragender neugieriger Blick einschleichen, dann
hat man gelernt, dass dies nicht eine eigene Schwäche, sondern
eine des Gegenübers ist.
Daniela Loisl
Stand: 18.03.2008

