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Fragen und Antworten

Eine Frage von F. P.:

Ich leide unter chronischem Morbus Reiter (inkomplett). Nach 12 jährigem Stillstand habe ich seit ca. 4 Monaten einen sehr massiven Schub. Sämtliche Symptome (außer Irisentzündung) sind vorhanden. Zudem sehr starke Beschwerden im Magen-Darmtrakt mit Kryptenentzündungen. Der komplette Torso ist sehr schmerzhaft, Zehengelenke links und rechte Hand stark geschwollen und derzeit annähernd steif. Habe nachweislich das Gewebemerkmal HLA-B27. Meine

Frage nun, kann ich mich ebenfalls einer solchen Therapie mit Infliximab unterziehen?

Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 4.08.2003:

Der M. Reiter gehört in die Krankheitsgruppe der seronegativen Spondarthritiden / Spondylarthropathien, so dass grundsätzlich eine Wirkung von TNF-alpha-blockierenden Substanzen anzunehmen ist. Allerdings liegen umfangreiche Erfahrungen zum Einsatz von TNF-alpha-Blockern beim M. Reiter nicht vor, insbesondere auch keine systematischen klinischen Studien. Einzelfallberichte und kasuistische Mitteilungen in der wissenschaftlichen Literatur sowie auf Kongressen belegen aber mittlerweile eine z.T. excellente Wirksamkeit von TNF-alpha-Blockern bei der Behandlung des M. Reiter.

 

Problematisch könnte die derzeitige Politik einiger Krankenkassen sein, wegen der finanziellen Probleme im deutschen Gesundheitssystem die Kostenübernahme beim Einsatz von Infliximab mit der Begründung zu verweigern, es läge eine Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikation vor („off-label-use“). Dies kann im Einzelfall beim verordnenden Arzt zu erheblichen Regress-Ansprüchen führen.

 

Aus der Ferne können, dürfen und wollen wir keine Diagnosen stellen und / oder individuelle Therapieempfehlungen geben. Man sollte angesichts der Darmbeteiligung und der Beschreibung von Kryptenentzündungen auch an die Möglichkeit einer entzündlichen Darmerkrankung mit einer begleitenden enteropathischen Arthritis denken. Damit stellt sich die Frage der Therapie unter Umständen aus einer ganz anderen Perspektive. Sollte sich beispielsweise der behandelnde Gastroenterologe zur Diagnose eines M. Crohn entschließen können, käme u.U. und je nach Lage der Dinge eine Therapie mit Infliximab wegen des M. Crohn in Frage. Für diese Therapie ist Infliximab in Deutschland offiziell zugelassen.

 

Unklar ist auch, ob es sich tatsächlich um einen M. Reiter oder um einen M. Bechterew handelt. Im zweiten Fall wäre Infliximab auch – unter Maßgabe der gültigen Konsensusempfehlungen – für die Therapie in Deutschland offiziell zugelassen.

 

Man sollte den derzeitigen Krankheitsschub deshalb zum Anlaß nehmen, die Erkrankung auch im Hinblick auf die Diagnose erneut zu bewerten und ggf. eine Re-Evaluation des Krankheitsbildes und der verbundenen Therapiekonzepte und der Behandlungsoptionen vorzunehmen.

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