Ganzkörperkältekammer

Kälte als Therapieform

Aus unserer Kindheit wissen wir, dass Kälteanwendungen bei Verletzungen, insbesondere bei Verbrennungen oder auch Entzündungen den Schmerz rasch lindern, und unter Umständen sogar einen blauen Fleck (Hämatom) verhindern können. Somit ist die Kältetherapie ein seit Jahrzehnten angewandtes, risikoarmes Verfahren, das nicht neu ist.

Auch in der Rheumatologie wird die Kältebehandlung erfolgreich eingesetzt, und kann den Patienten im akuten Schub deutliche Erleichterung verschaffen.

Die einfachste und gängigste Methode ist die Anwendung von Cool-Packs, von Crash-Eis oder Eis-Lollys. Manche Praxen behandeln auch mit Kaltluftgebläsen, welche ähnlich einem Föhn auf die entzündeten und schmerzhaften Gelenke gerichtet werden und eisige Luft ausströmen. Auch finden gefrorene Linsen oder Raps zur Behandlung von Händen oder Füßen erfolgreiche Anwendung.

Die Therapie in einer Ganzkörperkältekammer

Die Therapie in einer Ganzkörperkältekammer stellt die intensivste Kälteanwendung dar. Immerhin werden hier Temperaturen von – 60° C bis sogar -180° C erreicht. Somit ist sie die wirksamste Kälteanwendung, die wir kennen. Da es sich hier um trockene Kälte handelt, wird diese nicht als unangenehm empfunden, weil trockene Kälte das Kälteempfinden verändert.

Die Ganzkörperkältetherapie ist eine hochwirksame Therapie, die unter anderem in der Behandlung von entzündlich rheumatischen Erkrankungen, aber auch nach Operationen, bei Hauterkrankungen, wie beispielsweise der Schuppenflechte oder der Neurodermitits, und auch bei Schmerzsyndromen wie der Fibromyalgie große Erfolge zeigt. Im Leistungssport ist die Ganzkörperkältebehandlung schon längst im alltäglichen Einsatz. Sie fördert die Durchblutung der Muskulatur, was den Sportlern während der Belastung zugute kommt, und auch nach dem Training der Regeneration dienlich ist.

Das Verfahren wurde in Japan entwickelt und ist seit den 80-er Jahren in Europa bekannt. In Deutschland hielt es 1985 Einzug im stationären Bereich verschiedener Kliniken, vorwiegend jedoch im stationären, rehabilitären Bereich. 1998 wurden in Deutschland erstmals auch ambulante Behandlungen in der Ganzkörperkältekammer durchgeführt. Leider übernehmen die meisten gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der Ganzkörperkältebehandlung nicht im ambulanten, sondern nur im stationären, rehabilitativen Bereich. So mussten in den letzten Jahren aus wirtschaftlichen Gründen viele ambulante Kältekammern geschlossen werden, da sie nicht kostendeckend eingesetzt werden konnten.

Die Vorstellung, sich in einer solchen Kälte, noch dazu in Badekleidung aufzuhalten, erschreckt zunächst sicherlich den größten Teil der Patienten. Die Meisten berichten jedoch hinterher, dass sie die eisigen Temperaturen nicht als unangenehm empfunden werden, da man einer trockenen Kälte ausgesetzt ist. Außerdem ist der schmerzlindernde Effekt, der umgehend einsetzt, für viele Betroffene so ein Segen, dass sie sich auf den Aufenthalt in der Kältekammer regelrecht freuen.

In der Kältekammer müssen körperferne Gliedmaßen wie Hände und Füße durch Handschuhe, Socken und geschlossene Schuhe, der Kopf mit einem Stirnband oder einer Mütze geschützt werden. Darüber hinaus wird ein Mundschutz getragen, damit die Atemluft nicht zu kalt eingeatmet wird.

Eine Kältekammer besteht entweder aus einem oder aus zwei Räumen, einer Vor- und einer Hauptkammer. Seit einigen Jahren sind auch Ganzkörperkältekabinen auf dem Markt, in denen die Patienten einzeln behandelt werden. In der Vorkammer herrscht zum Eingewöhnen eine geringere Temperatur von etwa -60 ° C, in der Hauptkammer ist es dann deutlich kälter. In der Vorkammer hält man sich etwa eine halbe Minute auf, in der Hauptkammer dann bis zu maximal vier Minuten. In vielen Kältekammern wird Musik abgespielt, zu deren Rhythmus sich die Patienten langsam bewegen sollen.

Die Kammer sollte ausatmend betreten werden, um nicht gleich den vollen Atemzug eiskalter Luft in die Lungen einzuatmen, da das bei manchen Menschen Beklemmungen hervorrufen kann. Auch sollte in der Kammer wenig gesprochen werden, damit man sich auf eine regelmäßige Ein- und vor allem Ausatmung konzentrieren kann.

Die Patienten gehen zumeist zu mehreren in die Kammer, je nach deren Größe. So fühlen sie sich sicherer. Im Vorraum der Kammer hält sich das Aufsichtspersonal auf und kann so jederzeit zur Hilfe kommen.

In der Regel sollte eine Ganzkörperkältekammeranwendung in Serien erfolgen, was während einer stationären Rehamaßnahme am ehesten gewährleistet ist. Bei hochentzündlichen Erkrankungen ist eine über mehrere Wochen, bestenfalls sogar zweimal täglich durchgeführte Anwendung besonders wirksam.

Wie wirkt eine Kältekammer?

Die Ganzkörperkältetherapie führt zu einer Reihe von positiven Veränderungen, die teils reflektorisch über Nervenbahnen, teils biochemisch über eine Beeinflussung bestimmter Neurotransmitter entsteht. Die Minusgrade desensibilisieren überreizte Nervensysteme und setzen Glückshormone, so genannte Endorphine frei. Schmerz- und Temperaturrezeptoren der Haut werden positiv beeinflusst und führen über Reflexbögen im Rückenmark zu einer Herabsetzung des Muskeltonus und zu einer Gelenkentlastung.

Gleichzeitig kommt es zu einer Herabsetzung der Nervenleitgeschwindigkeit und zu einer positiven Einwirkung auf bestimmte Nervenfasern. Bereits nach etwa einer halben Minute kommt es schon zu einer deutlichen Schmerzreduktion und damit zu einer Zunahme der Beweglichkeit und Funktionalität und zu einer Steigerung des Wohlbefindens.

Misst man die biochemischen Veränderungen, so kann man vielfältige günstige Veränderungen von Neurotransmittern feststellen (z.B. Serotonin). Es kommt hierbei zu sehr komplexen Einwirkungen auf das periphere und das zentrale Nervensystem, insgesamt führt diese Wirkweise zu Vitalität und Wohlbefinden. Umfangreiche Studiendaten belegen die Wirkweise und Wirksamkeit dieser Kälteanwendung.

Die Ganzkörperkälte übt somit nicht zuletzt auch einen intensiven Einfluss auf das Immunsystem aus. Durch Messungen bestimmter weißer Blutkörperchen und Zytokine (Gewebshormone) ist bekannt, dass es zu einer Verbesserung der Abwehrlage bei gleichzeitiger Reduktion von überschießenden Entzündungsreaktionen kommt. Dies ist besonders bei der Behandlung von entzündlichen Erkrankungen und Störungen der Immunabwehr von Bedeutung.

Besonders überraschend und erfreulich ist das Nachlassen der Schmerzen. Dies tritt bereits nach sehr kurzer Zeit (ca. einer halben Minute) ein, und bedeutet für den größten Teil der Patienten eine sofortige und weitgehende Schmerzfreiheit. Es kommt zu einer deutlichen Funktionsverbesserung der Gelenke und einer Zunahme des Wohlbefindens. Viele Patienten verlassen die Kammer vollständig schmerzfrei ("wie im siebten Himmel"). Kurze Zeit nach der Behandlung tritt häufig ein Wärmegefühl auf.

Dieser erste analgetische Effekt (Schmerzminderung) hält etwa 2 - 6 Stunden an, und klingt später ab. Für viele Patienten bedeutet dies eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden und ein Rückerlangen von Lebensqualität. Die verbesserte Beweglichkeit und Schmerzfreiheit nach der Kältetherapie sollte vor allem für krankengymnastische Übungen genützt werden. Manche Patienten sind so zum ersten Mal wieder in der Lage, ihre verspannte und schmerzhafte Muskulatur zu trainieren.

Langfristig, nach einer Serie von Anwendungen, kommt es bei der Mehrheit der Betroffenen zu einer ganz erheblichen Verbesserung der Symptomatik: Nach einer mehrwöchigen Behandlung berichten 90% der Patienten über eine Linderung des Spontan- und Bewegungsschmerzes. Dies führt unter anderen dazu, dass bei fast 70% der Patienten sogar Schmerz- und Rheumamedikamente reduziert werden können.

Die Ganzkörperkältetherapie hat sogar noch eine Reihe weiterer positiver Wirkungen. Besonders eindrucksvoll ist die Verbesserung der Atmung: Das Lungenvolumen nimmt zu, durch die Steigerung der Vitalkapazität, die Verkrampfung der Bronchien vermindert sich, die Sauerstoffsättigung des Blutes wird erhöht und der Kohlendioxidgehalt sinkt.

Auch auf die Haut hat das Verfahren einen positive Wirkung. Die Hautspannung lässt nach, was die Behandlung der Psoriasis und Neurodermitis unterstützt.

Wer sollte nicht in eine Ganzkörperkältekammer gehen?

Menschen, die unter Platzangst leiden oder die eigenständig nicht sicher stehen können, wird ein Aufenthalt in der Ganzkörperkältekammer nicht empfohlen.

Gegenanzeigen bestehen außerdem für folgende Erkrankungen:

  • Schwere Herz- Kreislauferkrankungen
  • Schlecht eingestellter oder schwerer Bluthochdruck
  • Frischer Herzinfarkt
  • Schwere periphere arterielle Durchblutungsstörungen
  • Ausgeprägtes Raynaud- Syndrom (Weiß- oder Blauverfärbung der Finger)

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Schwere Nebenwirkungen werden selten bis gar nicht beobachtet. Auftreten können, insbesondere bei Nichtbeachten der Atemempfehlungen in der Kältekammer, Schwindelgefühl oder Atemnot.

Bei manchen Patienten kann es zu Erfrierungen der Haut kommen, wenn sie beispielsweise mit der Kammerwand in Berührung kommen oder sich zu lange in der Kältekammer aufhalten. Meist handelt es sich hier jedoch um leichte Hautverletzungen oder Ausschläge, die sich spontan zurückbilden, wenn die Anwendung für ein paar Tage pausiert wird.

Fazit

Die Ganzkörperkältekammer stellt eine probate Behandlungsmöglichkeit einer Vielzahl von Erkrankungen dar, die vornehmlich das Immunsystem betreffen. Die behandelten Patienten erfahren ein Wiedererlangen von Lebensqualität durch die deutliche Reduktion ihrer Schmerzen und den Erhalt der Gelenkbeweglichkeit und Funktionalität.

So können in vielen Fällen hochpreisige Rheumamedikamente und auch Schmerzmittel reduziert werden. Letztlich trägt das auch zu einer Entlastung des Gesundheitssystems bei. Daher wäre es wünschenswert, dass diese hochwirksame, gleichzeitig nebenwirkungsarme Behandlungsmöglichkeit auch im ambulanten Bereich in den Leistungskatalog der erstattungsfähigen Therapiemethoden der GKV (Gesetzlichen Krankenversicherungen) aufgenommen wird.

Copyright © 1997-2017 rheuma-online
rheuma-online Österreich
 
Alle Texte und Beiträge in rheuma-online wurden nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Irrtümer sind jedoch vorbehalten. Alle Angaben sind ohne Gewähr. Jegliche Haftungsansprüche, insbesondere auch solche, die sich aus den Angaben zu Krankheitsbildern, Diagnosen und Therapien ergeben könnten, sind ausgeschlossen.