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Fragen und Antworten

Eine Frage von Petra W.:

Mein Orthopäde hat mir zu TNF-Alpha geraten, da bei mir angeblich

Methotrexat versagt. Ich habe nun schon einiges über dieses neue Präparat gehört natürlich Gutes wie Schlechtes. Bisher sträube ich mich noch sehr, dieses Medikament zu nehmen, denn meine Ängste sind gegenüber diesem Präparat noch viel größer als gegenüber meiner Krankheit. Die Nebenwirkungen wie z.b. Krebs etc. sind mir einfach viel zu hoch. Denn was nutzt es mir, wenn meine Erkrankung zum Stillstand kommt und ich eine Krebserkrankung bekomme? TNF-Alpha ist ja noch nicht so lange erforscht wie z.B. Methotrexat. Können Sie mir behilflich sein, wie ich bei meiner Erkrankung weiter verfahren soll?

Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 31.12.2003:

Mittlerweile liegen für die Therapie mit TNF-alpha-Blockern wie Etanercept (Enbrel), Infliximab (Remicade) und Adalimumab (Humira) umfangreiche Daten aus einer Reihe von klinischen Studien vor, inzwischen auch aus längeren Beobachtungszeiträumen über 5 und mehr Jahre. Insgesamt läßt sich aus diesen Studien unzweifelhaft ableiten, daß der Nutzen der TNF-Blocker bei der Behandlung von schweren entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie bei der Therapie einer rheumatoiden Arthritis / chronischen Polyarthritis die möglichen Risiken einer solchen Behandlung bei weitem überwiegt.

 

Speziell zum Krebsrisiko gibt die Auswertung aller Daten keinen Hinweis auf ein erhöhtes Risiko, in der Folge einer Therapie mit TNF-alpha-Blockern an einem bösartigen Tumor zu erkranken. Dies gilt auch für die Anwendung über längere Zeiträume.

 

Am 28 Mai diesen Jahres (2003) hat das Beratungsgremium der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) dazu eine sehr wichtige Stellungnahme abgegeben. Wir haben darüber bereits im TNF-Ticker berichtet. Ich wiederhole den entsprechenden Text, da ich ihn im Zusammenhang mit Ihrer Frage für sehr bedeutsam halte:

 

 

(28 Mai 2003) Das Arthritis Advisory Commitee der FDA hat nach einer umfangreichen Analyse und Bewertung aller Daten aus den klinischen Studien zu Etanercept, Infliximab und Adalimumab sowie aus den Überwachungsprogrammen nach Markteinführung von Etanercept und Infliximab sowie von Patientenregistern in seiner Sitzung am 4. März 2003 in Silver Spring, Madison, empfohlen, dass in den Beipackzetteln der betroffenen Medikamente kein zusätzlicher Warnhinweis notwendig ist, dass bei Patienten mit rheumatoider Arthritis unter einer Therapie mit TNF-alpha-Inhibitoren ein erhöhtes Risiko für Lymphome oder andere Tumoren besteht.

 

Das Committee war zusammengekommen, um ein Update der Sicherheitsempfehlungen zur Therapie mit den in den USA zugelassenen TNF-alpha-Blockern vorzunehmen (in den USA für die Therapie der RA zugelassene TNF-Inhibitoren: Infliximab (Remicade®, Centocor), Etanercept (Enbrel®, Amgen), and Adalimumab (HumiraTM, Abbott).

Der amtierende Vorsitzende des Committees, Dr Steven D Abramson vom Hospital For Joint Diseases in New York führte dazu aus, dass die von den Analysten des FDA präsentierten Daten und die Präsentationen von allen drei Herstellerfirmen, die gegenwärtig in den USA TNF-alpha-Inhibitoren auf den Markt bringen, zeigten, daß unter diesen Substanzen das Risiko für Krebserkrankungen nicht über dasjenige Maß hinaus erhöht ist, das man ohnehin für die rheumatoide Arthritis kennt. Danach ist das Riskio für Lymphome bei Patienten mit rheumatoider Arthritis doppelt so hoch wie für die Allgemeinbevölkerung.

 

Allerdings wies das Committee darauf hin, daß das Lymphomrisiko unter einer TNF-alpha-Therapie auf der Grundlage der vorliegenden Daten noch nicht abschließend bewertet werden könne und dass weitere Daten speziell für diese Fragestellung erhoben werden müssen.

 

Das Thema Lymphomrisiko war in den Focus der FDA geraten, da in den Überwachungsprogrammen nach Markteinführung der TNF-alpha-Blocker einige Fälle von Lymphomen gemeldet worden waren. Das aktuelle Hearing berücksichtigte die Daten aller klinischen Studien von allen drei Herstellerfirmen (Doppelblind-Studien und offene Anschlussstudien), dem Berichterstattungssystem des MedWatch-Systems für die Erfassung von Arzneimittelnebenwirkungen und den umfassenden Überwachungsprogrammen der Hersteller zur Arzneimittelsicherheit, die von der FDA nach der Markteinführung für die TNF-alpha-Blocker vorgeschrieben worden waren.

 

Insgesamt umfasste das Datenmaterial Informationen aus mehr als 10.000 Patienten, von denen einige schon länger als 6 Jahre durchgehend mit TNF-alpha-Inhibitoren behandelt wurden.

 

Außer Lymphomen traten unter der Therapie mit TNF-alpha-Inhibitoren im Vergleich zur Normalbevölkerung keine anderen bösartigen Erkrankungen gehäuft auf.

 

Die Häufigkeit von Lymphomen war etwa so hoch wie bei anderen Patienten mit rheumatoider Arthritis, die nicht mit TNF-alpha-Inhibitoren behandelt worden waren.

 

Der beratende Krebsspezialist des Committees, Dr Douglas W Blayney vom Lewis Family Cancer Center in Pomona (Kalifornien) kommentierte dazu als erstaunlichsten Befund, daß die typischen Tumoren, die man unter einer Immunsuppression sieht, eben nicht beobachtet wurden, z.B. den follikulären Typ des Hodgkin-Lymphoms, Kaposi-Sarkome oder maligne Melanome. Dr. Blayney: “Wir sehen Lymphome, die dem Hintergrund-Level der Lymphome entsprechen, wie man es bei der RA sieht.“ ("I am most struck by what we don't see in these cases. We don't see follicular lymphomas or Hodgkin's disease. We don't see Kaposi's sarcoma or an excess of melanomas. We see lymphomas that seem to reflect the background level of lymphomas seen in RA.")

 

Quelle:

 

Food and Drug Administration, Center for Drug Evaluation and Research, Arthritis Advisory Committee. Safety update on TNF-alpha blocking agents. March 4, 2003 (http://www.fda.gov/cder/)

 

Kommentar von TIZ:

 

Wir haben im TNF-Ticker bereits in der Berichterstattung vom letzten ACR-Kongreß in New Orleans die aktuellen Daten aus den Langzeitstudien zu Etanercept vorgestellt, nach denen sich durch die Therapie mit dieser Substanz sogar die erhöhte Sterblichkeitsrate der rheumatoiden Arthritis senken lässt. Damit bestätigt sich die in letzter Zeit wachsende Erfahrung, dass das Risiko bei der rheumatoiden Arthritis in ganz allererster Linie die Erkrankung selber ist und nicht die wirksame krankheitskontrollierende Therapie.

 

Insgesamt kann aus unserer Sicht und vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Kenntnisstandes zusammengefasst werden, dass die Therapie mit TNF-alpha-Blockern sowohl bei kurz- und mittelfristiger Therapie als auch bei der Langzeitanwendung nicht nur gut verträglich und vergleichsweise sicher ist, sondern auch den Verlauf der Erkrankung nachhaltig positiv beeinflusst, d.h. die Krankheitsaktivität vermindert oder komplett beseitigt, das im Röntgenbild sichtbare Fortschreiten verlangsamt oder sogar vollkommen stoppt, die Lebensqualität z.T. dramatisch verbessert und insgesamt auch hinsichtlich des Sterblichkeitsrisikos zu einer deutlichen Verbesserung der Prognose der rheumatoiden Arthritis führt.

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