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Fragen und Antworten

Eine Frage von Ann-Kathrin:

Ich will im August für drei Wochen nach Alaska reisen, und zwar mit Mietwagen, Zelt und Schlafsack. Ich weiss, dass einiges dagegen spricht, aber mir geht es im Moment körperlich recht gut, so dass ich es mir zutraue.

Zur Situation: Ich habe MCTD, nehme zur Zeit 15mg MTX (würde gern reduzieren), und 6mg Prednisolon reduzierend. Ich habe kaum Schmerzen, nur bei Überanstrengung und manchmal aus undefinierbaren Gründen (Sonnenbaden?? Hab wohl eine SLE-Beteiligung).....diese Episoden treten selten auf.

Ansonsten hatte ich einen grossen Pleuraerguss, der laut Klinik jetzt weg ist, aber ich habe noch mässige Schmerzen ab und zu beim tiefen Atmen. Müdigkeit hält sich gut in Grenzen. Die mässige Belastbarkeit schiebe ich auf meine mangelnde Kondition ;-)

Was ist davon zu halten, was für Vorbereitungen sollte ich treffen, d.h. auf welche Eventualitäten sollte ich mich vorbereiten? Wie wird sich das Klima möglicherweise auswirken?

 

Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 1.07.2002:

Es ist natürlich nicht möglich und auch nicht erlaubt, online individuelle Therapieempfehlungen oder Ratschläge bei Patienten zu geben, die man selber nicht untersucht hat. Allgemein kann man aber sagen, dass bei Mischkollagenose und verwandten Erkrankungen von einer Reise nach Alaska nicht grundsätzlich abgeraten werden muss. Bei Reisen gibt es für Patienten mit entzündlich-rheumatischen oder immunologischen Systemerkrankungen drei wesentliche Probleme, wenn man die funktionellen Einschränkungen in der Folge der Erkrankungen mal ganz hintanstellt.

1. Das erste Problem ist die Frage der intensiven UV-Exposition, d.h. ob man im Zusammenhang mit der Reise sehr viel einer intensiven Sonnenbestrahlung ausgesetzt ist. Dies kann insbesondere bei systemischem Lupus erythematodes (SLE), aber auch bei der damit verwandten Mischkollagenose und anderen verwandten Autoimmunerkrankungen zu einer Schubauslösung oder zumindest zu einer Verstärkung der Krankheitsaktivität führen. Dieser Gesichtspunkt ist bedeutsam bei Reisen in südliche Länder (Süditalien oder Südspanien in Europa, aber auch Karibik in Übersee etc), weiterhin bei Reisen in höhergelegene Regionen (Alpen etc. in Europa, Anden in Südamerika oder Himalaya in Asien etc), da die Intensität der UV-Strahlung mit steigender Höhe zunimmt. Bei Urlaub im Wasser ist die UV-Exposition ebenfalls erhöht, da das Wasser die UV-Strahlung reflektiert. Dies betrifft demnach Urlaub an Seen oder am Meer. Im Fall von Alaska sehe ich in dieser Hinsicht das geringste Problem, wahrscheinlich wäre Andalusien im August bedeutend kritischer.

2. Das zweite Problem ist die Frage des "immunologischen Stresses", der mit der Reise verbunden sein kann. Immunologischer Stress kann durch ganz verschiedene Faktoren hervorgerufen werden: Die Zeitverschiebung bei Fernreisen, einen starken Klimawechsel (z.B. bei Reisen aus der nördlichen in die südliche Erdhälfte, d.h. z.B. dem Wechsel von unserem Sommer in den südamerikanischen Winter), die völlig anderen Lebens- und sonstigen Umfeld- und Umweltbedingungen in fremden Ländern, so z.B. auch die u.U. ganz anderen Ernährungsgewohnheiten und anderen Nahrungsmittel. Hier sehe ich im Fall von Alaska im August auch nicht die wesentlichen Probleme.

3. Bei "Abenteuerreisen" entsprechen je nach Land und Rahmenbedingungen der Reise die Hygienestandards oft nicht den zu Hause gewohnten Verhältnissen. Dies gilt im übrigen auch für Reisen in Länder mit einem im Vergleich zu Deutschland anderen Lebensstandard. Bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen und immunologischen Systemerkrankungen liegt nun schon krankheitsbedingt eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Abwehrschwäche gegenüber Infektionen vor. Diese wird durch die notwendige medikamentöse Therapie, z.B. mit Immunsuppressiva oder auch Cortison, oft dann noch zusätzlich verstärkt. Bei manchen Reisen ist damit die erhöhte Infektgefährdung ein Risiko, über das man sich im Vorfeld bewusst sein muss.

Ein weiterer Gesichtspunkt von Fernreisen ist das unterschiedlicher Erregerspektrum; so gibt es in den Tropen Erreger, die wir in Mitteleuropa nicht kennen und gegen die unser Immunsystem noch keine Abwehrstoffe gebildet hat, weil es noch nie mit ihnen in Berührung gekommen ist. Eine Infektion trifft in diesem Fall den Organismus ohnehin schon stärker als eine Infektion mit "heimischen" Keimen, die das Immunsystem schon kennt. Dieses unterschiedliche Keimspektrum ist im Zusammenspiel mit den hygienischen Problemen ein wichtiger Faktor, warum z.B. Montezumas Rache fast jeden Frendem betrifft und warum es kaum einen Ägyptenreisenden gibt, der nicht wenigstens kurz (und heftig) eine Durchfallserkrankung durchmacht. Im Fall von Alaska sehe ich hier allerdings ebenfalls keine Probleme; im Gegenteil dürfte das Infektionsrisiko zumindest aus der belebten Umweld eher niedriger sein.

Was kann man im Vorfeld tun, um das reisebedingte Risiko so weit wie möglich zu minimieren? Welche Vorbereitungen sollte man treffen?

Allgemein: Je nach geplantem Reiseziel mit dem behandelnden Rheumatologen bereits sehr früh Kontakt aufnehmen und einen gemeinsamen Plan machen, nicht zuletzt auch im Hinblick auf möglicherweise notwendige Impfungen. Dabei sollte das aus der jeweiligen Krankheits- und Behandlungssituation resultierende individuelle Risiko für die Reise angesprochen werden und auch gemeinsam überlegt werden, ob das Risiko u.U. so hoch ist, dass man vielleicht doch besser auf die Reise in diese Region verzichten sollte und sich woanders hin orientieren sollte. Weiterhin sollten dann vor der Reise noch einmal die einzelnen Verhaltensmaßnahmen in Akut- und Problemsituationen angesprochen werden. Ich gebe meinen Patienten für solche Fälle entsprechende "Notfallanweisungen für alle Fälle" und auch entsprechende Medikamente mit (z.B. Cortison).

Im Fall der Alaska-Reise sehe ich die Lage vergleichsweise entspannt, wenn auch nicht völlig problemlos. Was man auf jeden Fall mit dem Rheumatologen klären sollte, ist das Verhalten im Hinblick auf Mtx bei möglichen Infektionen, auch u.U. die Mitnahme eines Antibiotikums (das Problem sind dabei allerdings die amerikanischen Einfuhrbedingungen; wenn man die Zollerklärung ganz genau durchliest, meine ich, dass darin steht, dass man keine verschreibungspflichtigen Medikamente in die USA einführen darf; ich kann mich aber auch irren und / oder falsch erinnern). Weiterhin sollte man mit ihm das Verhalten in Schubsituationen klären, d.h. Erhöhung des Cortisons in welcher Dosis über wie viele Tage und nachfolgende Dosisreduktion in welchen Schritten. Ansonsten: Wirksame Sonnenschutzcreme mit hohem Lichtschutzfaktor ins Gepäck und zusehen, dass man sich so wenig wie möglich ungeschützt der Sonne aussetzt. Im Zweifelsfall lieber einmal mehr eine Kappe mit Schirmmütze aufsetzen, sieht dann sogar sehr amerikanisch aus.

- 14-07-2002

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