Sie sind hier: rheuma-online » Archiv » Fragen und Antworten

Fragen und Antworten

Eine Frage von Kirsten Z.:

Bei meinem Mann (Geburtsjahr 1953) wurde nach dem dritten stationären Aufenthalt eine Polymyalgie diagnostiziert. Der Borreliose-Test war negativ, soll aber nochmals in vier Wochen wiederholt werden. Heute erfolgte die erste Kortisongabe und mein Mann konnte am Nachmittag wieder laufen.

Symptome der letzten 8 Wochen: Schweißausbrüche, starke Schmerzen in beiden Schultern, Oberarmen, Händen, Beinen, Kniebereich und Füßen. Gewichtsverlust von 10 KG in 8 Wochen. Teilweise eine totale Bewegungsunfähigkeit. In der Nacht wurden die Schmerzen unerträglich. Geschwollene und kraftlose Hände.

Ist diese Diagnose im Bereich des Möglichen ???, da man mir gesagt hat, dass sie im Alter meines Mannes sehr selten wäre. Eine Behandlung sei auch vorläufig nur mit Kortison möglich.

 

Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 1.07.2002:

Zunächst einige Informationen zur Polymyalgia rheumatica:

Die Polymyalgia rheumatica ist eine der prognostisch günstigen rheumatischen Erkrankungen, wenn sie rechtzeitig diagnostiziert und adäquat behandelt wird.

Typische Symptome sind ein morgendlich betonter Muskelschmerz in den Muskelgruppen, die nah am Körper sind (Oberarme, Oberschenkel), z.T. begleitet von einer ausgeprägten Muskelschwäche. Typisch ist weiterhin eine deutliche Morgensteifigkeit. Häufig beginnt eine Polymyalgia rheumatica auch mit starken Nackenschmerzen, die in die Schläfe und in die Augenregion einstrahlen. Je nach Entzündungsaktivität geht sie darüber hinaus mit Gewichtsabnahme, erhöhten Körpertemperaturen, allgemeinem Krankheitsgefühl und manchmal auch ausgeprägter Depressivität einher. Bei den Laborbefunden ist die Blutsenkung stark bis sehr stark erhöht, so daß oft zuerst an einen Tumor gedacht wird.

Schwierig ist manchmal die Abgrenzung zu einer chronischen Polyarthritis des älteren Menschen, die häufig so ähnlich wie eine Polymyalgia rheumatica beginnt. Manchmal präsentieren sich Borreliosen mit einem ausgeprägt polymyalgischen Bild, desweiteren einige Viruserkrankungen (z.B. Cytomegalie-Virus, CMV, oder Epstein-Barr-Virus, EBV).

Typisch für die Polymyalgia rheumatica ist das Fehlen von Laborwerten, die eine Schädigung der Muskulatur anzeigen (z.B. Erhöhungen der sogenannten CK). Ist bei einem entzündlichen Muskelschmerz die CK erhöht, muß an eine Polymyositis gedacht werden.

Bei einem kleinen Teil der Patienten mit einer Polymyalgia rheumatica liegt den Symptomen und der stark erhöhten Blutsenkung ein (bösartiger) Tumor zugrunde. In der Vergangenheit wurde deshalb bei allen Patienten mit Polymyalgia rheumatica eine umfangreiche Tumorsuche durchgeführt. Da diese in den meisten Fällen ohne Ergebnis verlief, gleichzeitig zu einer erheblichen Belastung der Patienten führte und nicht zuletzt auch mit einem nicht unwesentlichen Kostenaufwand einherging, wird derzeit diskutiert, ob man tatsächlich bei jedem Patienten mit einer typischen Polymyalgia rheumatica (siehe untenstehende Klassifikationskriterien) eine Tumorsuche durchführen muß.

Die Behandlung der Polymyalgia rheumatica hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Früher wurde nur Cortison gegeben, dabei wurden in der Regel ziemlich hohe Mengen verabreicht. Das Ergebnis war oft eine Heilung der Polymyalgie, aber mit dem Preis einer starken, durch die hohen Cortisonmengen verursachten Knochenentkalkung ( Osteoporose) und anhaltenden Rückenschmerzen oder anderen Osteoporosefolgen.

Die moderne Therapie der Polymyalgia rheumatica kommt (gerade zu Anfang) auch nicht ohne Cortison aus. Um Cortison zu sparen, wird aber heute auch bei der Polymyalgia rheumatica eine langwirksame antirheumatische Therapie begonnen (z.B. mit Chloroquin oder Methotrexat (z.B. Lantarel). Wichtig ist, daß die Therapie mindestens ein Jahr lang konsequent durchgeführt wird. Oft ist auch eine längere Therapiedauer notwendig, um den Entzündungsprozeß entgültig zu stoppen.

Wichtig: Wegen der längerdauernden Cortisontherapie sollten alle Patienten zur Osteoporose-Vorbeugung täglich 4 x 250 mg Calcium und 1.000 Einheiten Vitamin D3 erhalten.

Klassifikationskriterien der Polymyalgia rheumatica

(englische Studie, 1979)

1. Beidseitige Schulterschmerzen und/oder beidseitige Steifigkeit, alternativ auch Schmerzen in folgenden Regionen: Nacken, Oberarme, Gesäß, Oberschenkel

2. Akuter Krankheitsbeginn, innerhalb von 2 Wochen

3. Initiale BSG-Beschleunigung von über 40 mm in der ersten Stunde

4. Morgendliche Steifigkeit von mehr als einer Stunde

5. Alter über 65 Jahre

6. Depression und/oder Gewichtsverlust

7. Beidseitiger Oberarmdruckschmerz

PMR wahrscheinlich:

3 Kriterien erfüllt oder: 1 Kriterium zusammen mit einer Temporalarteriitis

Nun zu Ihrer Frage, ob bei Ihrem Mann eine Polymyalgia rheumatica vorliegen könnte.

Grundsätzlich dürfen, können und wollen wir über das Internet keine individuellen Diagnosen stellen und / oder Therapieempfehlungen geben.

Allgemein kann man aber sagen, dass bei einem Patienten im Alter von 49 Jahren eine Polymyalgia rheumatica sehr selten ist und man in jedem Fall darüber nachdenken sollte, ob nicht eine andere Erkrankung vorliegt. Einige der wichtigsten Differentialdiagnosen, d.h. andere Erkrankungen, die auch in Frage kommen und die man bei der Diagnosestellung mit abwägen muss, sind oben genannt.

Insbesondere das Vorliegen von Gelenkschwellungen passt nicht zu einer Polymyalgia rheumatica. Es wird zwar gelegentlich diskutiert, ob es bei einer Polymyalgia rheumatica auch zu Gelenkschwellungen kommen kann; ich persönlich halte dies aber für ein Hilfskonstrukt und versuche, beim Vorliegen von Gelenkschwellungen eine andere Ursache zu finden, die das Krankheitsbild erklärt. Wegen der sehr hohen Krankheitsaktivität und der starken Gewichtsabnahme sollte unbedingt auch an die Möglichkeit einer Vaskulitits gedacht werden, insbesondere auch an die Möglichkeit einer viral ausgelösten Vaskulitis. Nicht übersehen werden sollte auch eine Arthritis in der Folge einer Infektion mit Chlamydia pneumoniae.

Bei allen schwierigen diagnostischen Situationen ist aus meiner Sicht die Einschaltung eines internistischen Rheumatologen unbedingt notwendig. Wenn die bei Ihrem Mann bislang noch nicht geschehen sein sollte, sollten Sie (auch wenn er nun schon dreimal im Krankenhaus war), sehr intensiv überlegen, ob er nicht in einer internistisch-rheumatologischen Fachklinik (Rheumafachklinik, Rheumafachkrankenhaus) behandelt werden sollte.

 

Copyright © 1997-2022 rheuma-online
rheuma-online Österreich
 
Alle Texte und Beiträge in rheuma-online wurden nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Irrtümer sind jedoch vorbehalten. Alle Angaben sind ohne Gewähr. Jegliche Haftungsansprüche, insbesondere auch solche, die sich aus den Angaben zu Krankheitsbildern, Diagnosen und Therapien ergeben könnten, sind ausgeschlossen.