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Fragen und Antworten

Eine Frage von Susanne E.:

Ich (38 Jahre) werde seit 2 Jahren mit Remicade in Kombination mit Imurek behandelt. Ich leide seit 20 Jahren an einem Morbus Bechterew.

Ich plane eine Schwangerschaft und möchte wissen, ob jemand in der gleichen Situation bereits ein Kind geboren hat oder Erfahrungen sonst hat.

Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 16.12.2004:

Laut neuesten Studienergebnissen schadet eine Behandlung mit Infliximab (Remicade) vor und während der Empfängnis sowie während der ersten drei Schwangerschaftsmonate weder Kind noch Mutter. Das Risiko einer kindlichen Fehlentwicklung durch diese Therapie scheint nicht erhöht zu sein.

Dies besagen zumindestens ganz neue Forschungsergebnisse aus den USA, über die der Rheumatologe Dr. J. Katz von der Case Western Reserve University in Cleveland im US-amerikanischen Bundesstaat Ohio aktuell im American Journal of Gastrenterology berichtete. Danach unterscheidet sich die Rate der Lebendgeborenen, der kindlichen Mißbildungen und der vorzeitigen Schwangerschaftbeendigungen von Frauen, die zum Zeitpunkt der Empfängnis und während der frühen Schwangerschaft mit Infliximab behandelt wurden, nicht von der Komplikationsrate gesunder Frauen.

Bisher existierten nur wenige Informationen über die Sicherheit von Infliximab während einer Schwangerschaft. Die Wissenschaftler sammelten alle Daten, die bislang bei der Herstellerfirma zu dem Thema `Infliximab und Schwangerschaft´ vorlagen. Insgesamt waren genau 146 Schwangerschaften gemeldet. Davon standen 136 Frauen direkt unter einer Infliximab-Therapie, während es bei den übrigen 15 Frauen der Partner war, der Infliximab erhielt. Aussagen über den Schwangerschaftsverlauf, die Geburt und die kindliche Entwicklung nach der Geburt waren von 96 Frauen unter Infliximab-Therapie erhältlich.

Über die Hälfte dieser Frauen (53 Patientinnen, 55%) erhielt Infliximab bereits drei Monate vor der Konzeption (Empfängnis), ein Drittel hiervon führte die Therapie in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten fort. 30 Patientinnen (31%) begannen mit Infliximab während der ersten drei Schwangerschaftsmonate. 7 Frauen (7%) nahmen Infliximab bereits länger als drei Monate vor der Konzeption ein, bei 6 (6%) war der genaue Therapiebeginn nicht bekannt.

Von den 96 Patientinnen, die während der Konzeption oder der Schwangerschaft Infliximab erhalten hatten, gebaren 64 (67%) lebende Kinder (da es viermal zu Zwillingschwangerschaften kam waren es insgesamt 68 Kinder). Zu spontanen Fehlgeburten oder zu einer frühzeitigen Beendigung der Schwangerschaft kam es bei 14% der Frauen ( und bei 19% der Kinder). Diese Rate an Schwangerschaftskomplikationen entspricht der der gesunden Bevölkerung.

Von den 15 Schwangerschaftsverläufen, bei denen nicht die Frauen selbst, sondern deren Partner zum Zeitpunkt der Konzeption und oder davor mit Infliximab behandelt wurden, standen 10 zur genauen Auswertung zur Verfügung. In dieser Gruppe kam es zu 9 Lebendgeburten. Eine spontane Fehlgeburt trat bei einer Frau auf, die selbst an einer Erkrankung (Morbus Addison) litt und mit hohen Kortisondosen behandelt werden musste.

Insgesamt lagen Berichte von fünf kindlichen Komplikationen vor. Ein Kind wurde in der 24.ten Schwangerschaftswoche geboren und verstarb. Ein weiteres Kind hatte einen komplizierten Verlauf nach der Geburt mit Atemproblemen - konnte sich aber davon erholen und ist jetzt gesund. Ein Kind kam mit einem angeborenen Herzfehler (Fallot´sche Tetralogie) auf die Welt. Nach operativer Korrektur ist es jetzt mit einem Jahr gesund. Das vierte Kind kam mit einem Darmproblem (Malrotation) zur Welt. Die Mutter hatte während der Schwangerschaft jedoch zusätzlich zum Infliximab Leflunomid (Arava) eingenommen, von dem bekannt ist, dass es im Tierversuch kindliche Schädigungen verursachen kann. Das fünfte Kind war ein Zwillingskind, das eine verzögerte Entwicklung bei gleichzeitiger Unterfunktion der Schilddrüse aufwies. Auch hier unterscheidet sich die Häufigkeit kindlicher Störungen nicht von der Normalbevölkerung.

Laut Angaben der Wissenschaftler könne keine dieser kindlichen Probleme direkt auf die Wirkung von Infliximab zurückgeführt werden. Weitere Beobachtungen seien jedoch notwendig, um eine Schädigung des Kindes durch Infliximab mit Sicherheit ausschließen zu können.

Die Mehrzahl der untersuchten Frauen (85%) wurde auf Grund eines Morbus Crohns (entzündliche Darmerkrankung) mit Infliximab behandelt. 8% litten unter einer rheumatoiden Arthritis, 2% unter einer juvenilen idiopathischen Arthritis und 1% unter einer Colitis ulcerosa. Katz sieht jedoch keinen Grund dafür, warum die Daten der Studie nicht auch auf alle schwangeren Patientinnen unter Infliximab-Therapie übertragen werden könnten.

Alle der untersuchten Frauen hatten während ihrer Schwangerschaft neben Infliximab auch andere Medikamente eingenommen. 30 standen unter einer Therapie mit Sulfasalazin (z.B. Azulfidine), 33 unter Azathioprin (z.B.Imurek), 8 unter Methotrexat (z.B.MTX), 1 unter Cyclosporin (z.B.Sandimmun), 31 nahmen Kortison, 14 Metronidazol (z.B. Clont) und 16 cortisonfreie Rheumamittel (NSAR) ein.

 

Zusammenfassend lässt sich also nach den vorliegenden Daten Folgendes sagen: Der Einsatz von Infliximab vor, während und in den ersten drei Monaten nach der Konzeption führt weder zu eine erhöhten Rate an Schwangerschaftskomplikationen noch zu einer Schädigung des Kindes. Die Autoren dieser Arbeit halten nach diesen Beobachtungen den Einsatz von Infliximab im Falle einer Schubsituation auch zu einem späteren Zeitpunkt der Schwangerschaft für denkbar, wobei dies auf Grund der spärlichen Datenlage derzeit nicht den allgemeinen Empfehlungen entspricht. Liegen Gegenanzeigen (Kontraindikationen) gegen Kortison vor - wie zum Beispiel bei einer mütterlichen Blutzuckererkrankung, einer Präeklampsie oder einer durch Kortison verursachten psychischen Störung- könnte der Nutzen einer Infliximab-Therapie das nicht gänzlich auszuschließende Risiko überwiegen.

 

Literatur: Katz JA, Antoni C, Keenan GF, et al. Outcome of pregnancy in women receiving infliximab for the treatment of Crohn's disease and rheumatoid arthritis. Am J Gastroenterol 2004; 99: 2385-2392.

 

Vergleiche dazu auch den Beitrag von Frau Dr. med. G. Moutrie in den rheuma-news von rheuma-online: rheuma-online.de/news/478.html.

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