Sie sind hier: rheuma-online » Archiv » Fragen und Antworten

Fragen und Antworten

Eine Frage von Ute H.:

Vor ca. 5 Jahren wurde bei mir das Sjögren-Syndrom festgestellt. Behandelt wurde ich die letzten 5 Jahre mit Decortin H (täglich 20 mg). Es wurde gut von mir vertragen und die rheumatischen Beschwerden waren sehr gering.

Ende letzten Jahres bekam ich dann immer öfter starke rheumatische Beschwerden, sehr stark angeschwollene Gelenke, z.B. Hand- und Fußgelenk.

Über den Jahreswechsel wurde ich dann auf Verdacht von Thrombose vorsorglich mit Marcumar behandelt. Dauer der Einnahme von Januar bis März.

Seit April 2003 leide ich nun an sehr starkem Haarausfall (ca. 200-300 Haare am Tag).

Bei einer Untersuchung eines Rheumatologen wurde dann bei mir ein systemischer Lupus erythematodes (SLE) festgestellt. Es wurden folgende Organe untersucht: Herz, Lunge und Nieren. Alles negativ.

Seit Ende Juni bekomme ich Lantarel. Anfangs wurde ich wöchentlich

einmal gespritzt, nach 5 Wochen wurde die Behandlung auf Tabletten umgestellt (20 mg pro Woche). Nebenbei nehme ich immer noch Decortin H mit immer geringerer Dosierung.

Nach Untersuchungen des Blutbildes im Juni 2003 wurde ein sehr starker Eisenmangel festgestellt, der anfangs mit Tabletten behandelt wurde, nach ca. 4 Wochen keine Besserung des Eisengehaltes. Ich bekam zusätzlich insgesamt 5 Eisenspritzen, die dann endlich den Eisengehalt verbesserten. Gleichzeitig nehme ich immer noch täglich 3 Tabl. Tardyferon. Desweiteren nehme ich noch Zinktabletten, Folsäuretabletten und Pantovigar gegen den Haarausfall ein. Aber es ist leider keine Besserung eingetreten. Leide immer noch an sehr starkem Haarausfall (ca. 200-300 Haare täglich).

Bitte geben Sie mir schnellstmöglich eine Antwort, da Sie für mich

die letzte Rettung sind. Habe schon 50 % Haarausfall.

 

Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 1.01.1970:

Aus der Ferne können und dürfen wir keine individuellen Empfehlungen zur Diagnose oder Therapie geben.

Allgemein kann man sagen, dass zunächst einmal geklärt werden muß, woher der starke Haarausfall kommt. Prinzipiell gibt es sehr viele Ursachen von Haarausfall. Dazu zählt u.a. auch ein Eisenmangel und ein Zinkmangel. Da diese Substanzen bei Ihnen schon gegeben werden, ist eher nicht anzunehmen, dass darin die Ursache liegt. Eine weitere mögliche Ursache von verstärktem Haarausfall bei Frauen ist ein relatives Übergewicht von männlichen Hormonen. Männer und Frauen haben beide männliche Hormone wie Testosteron und weibliche Hormone wie Östrogene; allerdings ist bei ihnen das Verhältnis unterschiedlich, d.h. Männer haben im Verhältnis zu Östrogen viel mehr Testosteron, umgekehrt ist es bei Frauen. Wenn sich nun durch alle möglichen Einflüsse das Verhältnis zum Testosteron verschiebt, kann dies zu verstärktem Haarausfall führen.

Im Zusammenhang mit entzündlich-rheumatischen und immunologischen Systemerkrankungen ist bedeutsam, dass auch eine hohe Krankheitsaktivität mit verstärktem Haarausfall einhergehen kann. Dies ist besonders häufig bei einem systemischen Lupus erythematodes (SLE) und verwandten Erkrankungen aus der Gruppe der Kollagnosen (entzündliche Bindegewebserkrankungen) zu beobachten.

Nach der Schilderung der Symptome deutet vieles auf einen akuten Krankheitsschub eines Lupus, der sich u.a. durch die Zunahme der Gelenkschmerzen und das Auftreten von Gelenkschwellungen bemerkbar gemacht hat.

Das riesige Problem ist, dass in einer solchen Situation Medikamente wie Cortison und Methotrexat (z.B. Lantarel) gegeben werden müssen, die ihrerseits auch zu Haarausfall führen können. Dies führt in der Regel zu sehr intensiven Diskussionen zwischen Patient und Arzt, ob diese Medikamente denn überhaupt nötig sind und wenn ja, in der eingesetzten Dosierung. Auch für Marcumar ist als mögliche Nebenwirkung ein verstärkter Haarausfall beschrieben.

Da es sich bei dem systemischen Lupus erythematodes um eine Erkrankung handelt, die sich bei unzureichender Therapie zu einem gefährlichen Krankheitsbild entwickeln kann, kann der Arzt einer Patientin in einer solchen Situation meistens nur sagen, dass es aktuell keine Alternative zu der laufenden Therapie gibt.

Um speziell bei der Therapie mit Methotrexat alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um wenigstens den Haarausfall so gering wie möglich zu halten, der von diesem Medikament herrühren könnte, muß man überlegen, ob und in welchem Umfang eine begleitende Gabe von Folsäure sinnvoll ist. Methotrexat greift in den Folsäurestoffwechsel ein. Dies ist ein wesentlicher Mechanismus, warum diese Behandlung wirkt.

Ein vorbestehender Folsäuremangel, der durch die Therapie mit Methotrexat weiter verstärkt wird, ist ein möglicher Grund, warum sich unter der Therapie mit Methotrexat ein Haarausfall entwickeln kann oder sich ein schon bestehender Haarausfall noch weiter verstärkt.

Allerdings ist Methotrexat bzw. ein wirksames Abbauprodukt („wirksamer Metabolit“) nur 48 Stunden im Körper, so dass man nach 48 Stunden Folsäure geben kann. Die Folsäuregabe kann zwar die Wirkung von Methotrexat etwas abschwächen, auch wenn man dieses Zeitintervall von 48 Stunden einhält; dies muß aber im einzelnen vor Ort entschieden werden.

Ein Hoffnungsschimmer besteht immerhin darin, dass es durch die Therapie wenigstens gelingt, die eigentliche Ursache des Haarausfalls, nämlich den Lupus, wirksam zu behandeln und damit hoffentlich auch mittelfristig den Haarausfall in den Griff zu bekommen.

Keywords: systemischer Lupus erythematodes * SLE * Haarausfall * Alopezie * Ursache * Krankheitsaktivität * Therapie * Cortison * Methotrexat * Marcumar * Folsäure * Folsäuregabe * Folsäuresubstitution

Copyright © 1997-2022 rheuma-online
rheuma-online Österreich
 
Alle Texte und Beiträge in rheuma-online wurden nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Irrtümer sind jedoch vorbehalten. Alle Angaben sind ohne Gewähr. Jegliche Haftungsansprüche, insbesondere auch solche, die sich aus den Angaben zu Krankheitsbildern, Diagnosen und Therapien ergeben könnten, sind ausgeschlossen.