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Fragen und Antworten

Eine Frage von N.N.:

Bei mir besteht der Verdacht auf eine chronische Polyarthritis. Ich hatte ganz schlimme Schmerzen in den Schultern, Handgelenken, Knien... immer wechselnd. Ich konnte es kaum aushalten und teilweise war alles steif. Ich bekam dann 7,5 mg Cortison und eine Tablette Rantudil über ca. 5 Wochen.

Die starken Schmerzen sind erst mal weg, aber ich habe Schwierigkeiten in den Händen und Vorfüßen. Jeder Schritt tut weh. Kann man dagegen was machen und kommen die anderen Schmerzen ohne Medikamente evtl. zurück ?

Kann ich ernährungsmäßig etwas machen ?

Ich habe die Vermutung, dass die Schmerzen bei mir durch ein hochprozentiges Eiweißpräparat ausgelöst wurden, kann das sein ?

 

Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 1.01.1970:

Aus der Ferne ist es natürlich weder möglich noch erlaubt, individuelle Ratschläge und Empfehlungen zu einer Diagnose oder einer Therapie zu geben.

Allgemein kann man sagen, dass beim Verdacht auf eine beginnende chronische Polyarthritis mit Nachdruck eine entsprechende qualifizierte Diagnostik, am besten bei einem internistischen Rheumatologen, durchgeführt werden sollte, um bei Vorliegen einer solchen Diagnose das sogenannte „therapeutische Fenster“ nicht zu verpassen. Wir haben dazu in rheuma-online in zahlreichen Antworten auf entsprechende Anfragen und auch in den rheuma-news sehr viel geschrieben.

Cortison und cortisonfreie Entzündungshemmer wie Rantudil wirken nur auf die Symptome, sind aber bei einer chronischen Polyarthritis / rheumatoiden Arthritis nicht in der Lage, den Krankheitsprozeß langfristig günstig zu beeinflussen. Dazu ist eine sogenannte langwirksame antirheumatische Therapie notwendig. Allerdings sollte vor Einleitung einer solchen Therapie zunächst einmal die Diagnose abgesichert werden.

Diätetische Maßnahmen können in einem sehr beschränkten Umfang die Symptome lindern; auch dazu findet sich in rheuma-online eine ganze Menge an Infos. Durch eine Ernährungsumstellung alleine ist aber eine Einflussnahme auf den immunologisch vermittelten Entzündungsprozeß bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nicht möglich.

Hinsichtlich auslösender Faktoren kann auf dem Hintergrund des heutigen Wissens eine einzelne mögliche Ursache weder völlig ausgeschlossen noch mit Sicherheit angenommen werden. So ist die Auslösung einer rheumatoiden Arthritis durch Fremdeiweiße denkbar. Allerdings gibt es zu dieser Frage keine sicheren Hinweise aus entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungen.

Für die Therapie ist die anfangs auslösende Ursache vermutlich auch zweitrangig. Ich bringe hier gerne das Bild von einer Lawine, die durch ganz unterschiedliche Faktoren ausgelöst werden kann, so einen Skifahrer, den Überschallknall eines Düsenjets, ein kleines abrutschendes Schneebrett einen Hang höher, eine Sprengladung etc.

Auch wenn die auslösende Ursache der Lawine unterschiedlich ist, nimmt sie in der Folge ihren Weg ganz unabhängig von dem auslösenden Faktor. In der Medizin nennt man dies die gemeinsame pathogenetische Endstrecke, d.h. egal, wie eine Erkrankung gestartet worden ist, nimmt sie in vielen Fällen einen ganz bestimmten, durch körpereigene Mechanismen und Abläufe vorgezeichneten und festgelegten Weg.

Die Therapie richtet sich dann auf diesen Krankheitsverlauf, wobei man den Auslöser schon im Auge behalten sollte, wenn er bekannt ist oder ein entsprechender Verdacht besteht.

Wenn sie dabei ein hochprozentiges Eiweißpräparat im Auge haben, wäre es sicherlich nicht sonderlich sinnvoll, dieses weiterhin einzunehmen.

Oder, um im Lawinenbild zu bleiben: Wenn man weiß, dass der Skifahrer nach Auslösen der ersten Lawine weiter abseits der Piste im lawinengefährdeten Gelände weiterfährt, sollte man dies natürlich unterbinden, damit er nicht noch mehr Katastrophen anrichtet.

Unabhängig davon geht es aber im Hinblick auf den ersten Lawinenabgang darum, hier, so es möglich ist, den Schaden so weit wie möglich zu begrenzen.

Die beste Schadensbegrenzung bei der chronischen Polyarthritis / rheumatoiden Arthritis ist zumindest mittelfristig und langfristig gesehen die unverzügliche Einleitung einer wirksamen krankheitsmodifizierenden Therapie.

Keywords: chronische Polyarthritis * cP * rheumatoide Arthritis * RA * therapeutisches Fenster

 

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