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Fragen und Antworten

Eine Frage von Doris K.:

Mein Mann (49) hat seit vielen Jahren Rheuma. Mit 20 hatte er den ersten Schub. Damals diagnostizierte man ihm Morbus Reiter. Nach einiger Zeit wurde er erfolgreich mit Salazopirin behandelt. Er hatte danach zirka 25 Jahre nur noch ansatzweise Schmerzen, die mit "normalen" Schmerzmitteln behandelt wurden. Vor ungefähr 4 Jahren bekam er plötzlich Schmerzen im Rücken-Bereich, die man erst mal mit Cortison-Spritzen zu bändigen versuchte. Inzwischen wird ihm von einigen Ärzten Morbus Bechterew diagnostiziert, andere sagen er habe KEINEN Bechterew, sondern ein undefinierbares Rheuma.

Die wesentlichen Elemente wie

  • Rückenschmerzen vom entzündlichen Typ (siehe Test: Wirbelsäulenrheuma)
  • Einschränkung der Wirbelsäulenbeweglichkeit
  • eingeschränkte Atembreite
  • Entzündung des Ileosakralgelenks

    hat mein Mann (ausser den Rückenschmerzen) nicht!

    - HLA B27 im Blut wurde bei ihm nachgewiesen

    Die typischen Erstsymptome außerhalb der Wirbelsäule

  • Gelenkentzündungen
  • Achillessehnenentzündungen
  • Regenbogenhautentzündungen am Auge
  • Entzündliche Fersensporne

    hat mein Mann jedoch alle ganz ausgeprägt (ausser Iritis).

    Zurzeit behandelt man ihn mit Methotrexat (15 mg/Spritze). Letzten Oktober hat man sein linkes Knie mit radioaktiven Isotopen behandelt - ohne Erfolg. Jetzt diskutiert man, ob die Behandlung nochmals wiederholt werden soll....

    Da ich auf Ihrer Internet-Seite so viele gute Informationen fand, erlaube ich mir Ihnen ein paar Fragen zu stellen.

    1. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Morbus Reiter und Morbus Bechterew?

    2. Kann man mit Tests herausfinden, welches Rheuma mein Mann plagt?

    3. Gibt es eine spezielle Ernährung, welche vor allem die Nebenwirkungen der Medikamente lindert?

     

  • Die Antwort gibt Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer, 1.04.2002:

    1. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Morbus Reiter und Morbus Bechterew?

    Zwischen M. Reiter und Bechterew besteht der Zusammenhang, dass beide Erkrankungen zu der Obergruppe der seronegativen Spondarthritiden oder Spondylarthropathien gehören.

    Unter den seronegativen Spondarthritiden wird eine größere Gruppe rheumatischer Erkrankungen zusammengefaßt, die sich in bestimmten Symptomen und Befunden ähneln, zwischen denen allerdings auch z.T. erhebliche Unterschiede bestehen. Gemeinsames Bindeglied ist die häufige Mitbeteiligung der Wirbelsäule ("entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen).

    Ihre Bezeichnung kommt aus dem Griechischen:

    "Spond-" für Wirbelkörper bzw. Wirbelsäule

    "arthr-" für Gelenke (Körpergelenke und kleine Wirbelgelenke) und

    "-itis" für entzündlich (in der Medizin enden alle entzündlichen

    Erkrankungen auf "-itis", wie Gastritis = Magenschleimhautentzündung, Bronchitis = Entzündung der Bronchien; Hepatitis = Leberentzündung etc. Entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen betreffen bereits jüngere Menschen. Der Erkrankungsbeginn liegt oft im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, häufig sogar noch früher.

    Sie haben viele gemeinsame Merkmale, aber auch Unterschiede.

    Gemeinsame Merkmale:

    Typisch ist der Rückenschmerz vom entzündlichen Typ ( Test). Ein entzündlicher Rückenschmerz ist ein Rückenschmerz, der vor allem oder vielleicht sogar nur in Ruhe auftritt, der sich besonders im Laufe der Nacht entwickelt und in den frühen Morgenstunden, um 2 Uhr nachts, 4 Uhr nachts oder manchmal auch erst kurz vor dem Aufstehen, dazu führt, daß man von den Rückenschmerzen wach wird. Wenn die Erkrankung sehr aktiv ist, d.h. die Entzündung stark ist, werden die Rückenschmerzen derart stark, daß man es im Bett nicht mehr aushält und aufstehen muß. Unter dem Umhergehen und unter der Bewegung nehmen die Schmerzen dann wieder etwas ab, so daß man sich dann u.U. sogar noch etwas hinlegen kann.

    Die Schmerzen beginnen oft nicht akut, plötzlich, sondern entwickeln sich langsam und nehmen dann immer mehr zu. Viele Patienten denken zuerst, daß ihre Probleme mit dem Bett zusammenhängen, der Matraze oder ähnlichen Bedingungen. Der Kauf eines neuen Bettes oder einer neuen Matraze beseitigt die Beschwerden dann in der Regel jedoch nicht.

    Oft beginnen entzündlich-rheumatische Wirbelsäulenerkrankungen gar nicht mit Schmerzen in der Wirbelsäule, sondern an anderen Stellen. Einige Patienten haben bereits viele Jahre vor der eigentlichen Wirbelsäulenerkrankung charakteristische Entzündungen an anderen Organen, z.B. eine Regenbogenhautentzündung ( Iritis), eine Achillessehnenentzündung aus heiterem Himmel und ohne erkennbare Ursache, eine Kniegelenksschwellung, die man zunächst vielleicht auf den Meniskus schiebt, ohne sich so recht erklären zu können, wie das passieren konnte, oder starke Fersenschmerzen, hinter deren Ursache man nicht so recht kommt.

    Weitere Gemeinsamkeiten:

    - Sie sind "seronegativ", d.h. der sogenannte Rheumafaktor ist bei ihnen im Blut nicht nachweisbar.

    - Dafür ist bei ihnen oft ein anderer Bluttest positiv, der Nachweis des sogenannten HLA B27. Dies ist eine ererbte Eigenschaft, wie eine Blutgruppe, die die Anlage zur Entwicklung bestimmter rheumatischer Erkrankungen in die Wiege legt. Wenn man diese Eigenschaft, sozusagen diese Art Blutgruppe, besitzt, hat man ein erhöhtes Risiko, an einer rheumatischen Wirbelsäulenerkrankung zu erkranken, man kann aber auch sein Leben lang damit gesund bleiben. Umgekehrt gibt es Patienten mit einer rheumatischen Wirbelsäulenerkrankung, bei denen man dieses HLA B27 nicht nachweisen kann.

    - Beschwerden, Symptome, Krankheitszeichen finden sich neben dem typischen Rückenschmerz an weiteren charakteristischen Stellen des Körpers:

    - Entzündungen der Kreuz-Darmbein-Gelenke ("Sakroiliakal-Gelenke"; Sacroileitis)

    - Entzündungen der Gelenke zwischen Wirbelsäule und Rippen ("Costovertebral-Gelenke"; Costovertebralgelenks-Arthritis)

    - Entzündungen der Gelenke zwischen Brustbein und Rippen ("Sternokostal-Gelenke"; Sternocostalgelenks-Arthritis)

    - Entzündungen an Stellen, an denen es straffe Bandverbindungen gibt bzw. große Sehnen am Knochen ansetzen ("Enthesien"; "Enthesitis"; Enthesiopathie)

    - Entzündungen großer Gelenke (Knie, Hüften, Schultern) ( Arthritis)

    - Entzündungen kleinerer Gelenke, dann besonders mit begleitenden Entzündungen eines ganzen Fingers oder einer ganzen Zeh ( Daktylitis)

    - Achillessehnenentzündungen

    - Fersenschmerzen

    - Entzündungen außerhalb des Bewegungsapparates. Charakteristisch sind:

    - Regenbogenhautentzündung ( Iritis)

    - Harnröhrenentzündungen ( Urethritis)

    - Vorhautentzündungen ( Balanitis)

    - Darmentzündungen ( Colitis)

    - Hautveränderungen und Nagelveränderungen, z.B. Schuppenflechte ( Psoriasis) oder überschießende Hornhautbildung ( Hyperkeratose)

    Unterschiede:

    Die einzelnen Erkrankungen prägen sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten aus. Einige betreffen mehr das sogenannte Achsenskelett (Wirbelsäule und Gelenke oder Strukturen, die am Rumpf oder nahe am Rumpf gelegen sind), andere mehr die peripheren Gelenke (Knie, Sprunggelenke, Zehengelenke; Handgelenke, Fingergelenke); einige weisen eine ausgeprägte Entzündung im Blut auf (z.B. erhöhte Blutsenkung), einige andere wiederum nur eine ganz niedrige oder gar keine Entzündung im Blut (z.B. normale Blutsenkung). Einige äußern sich in erster Linie durch Entzündungen außerhalb des Bewegungsapparates, z.B. wiederkehrende Regenbogenhautentzündungen, Entzündungsschübe im Darm oder ausgeprägte Hautveränderungen.

    Nach der Krankheitsursache bzw. nach typischen Grunderkrankungen und Symptomkonstellationen unterscheidet man deshalb einige Diagnosen:

    - den Morbus Bechterew als den "Stammvater" oder die "Kernkrankheit" der seronegativen Spondarthritiden

    - die Psoriasis-Spondarthritis (Gelenk- und Wirbelsäulenrheuma bei Schuppenflechte, einer Hauterkrankung)

    - infektreaktive Arthritiden (Gelenk- und Wirbelsäulenrheuma in der Folge von Infekten mit bestimmten Bakterien (vor allem nach Darminfekten und Infekten der Harnwege))

    --à den Morbus Reiter (Sonderform der infektreaktiven Arthritiden) mit der klassischen Reiter´schen Trias Enteritis oder Urethritis, Konjunktivitis und Arthritis, d.h. Durchfallserkrankung oder Harnröhrenentzündung, Bindehautentzündung und Gelenkentzündung

    - Enteropathische Arthritiden (Gelenk- und Wirbelsäulenrheuma bei entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa etc.)

    - weitere, seltenere Spondarthritiden im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen

    2. Kann man mit Tests herausfinden, welches Rheuma mein Mann plagt?

    Die bisherigen Untersuchungen dürften erfahrungsgemäß reichen. Es kommt jetzt in erster Linie darauf an, dass der behandelnde Arzt etwas von Rheumatologie versteht. Wichtige diagnostische Hinweise ergeben sich aus der Krankheitsvorgeschichte (s.o.), dem Röntgenbild von Wirbelsäule und Becken (man braucht aber nicht unbedingt eine Sakroileitis) und dem Nachweis des Risikomarkers HLA B27.

    3. Gibt es eine spezielle Ernährung, welche vor allem die Nebenwirkungen der Medikamente lindert?

    Mir nicht bekannt.

     

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