Wenn die Sonne geht … kommt die RA? Editorial vom September 2013

Nein: Es geht nicht darum, daß die rheumatoide Arthritis (RA) etwas mit Winter oder Kälte zu tun hat. Die Forschungsergebnisse, über die wir im folgenden berichten, sind viel spannender. Sie haben zwar auch etwas mit Herbst und Winter zu tun, aber auf Umwegen. Herbst und Winter sind bekanntlich die Jahreszeiten, in denen in unseren Breiten die Sonnenscheindauer abnimmt und damit wegen des anderen Sonnenstandes auch die Intensität der UV-B-Strahlung. Die Folge: Der Körper bildet weniger Vitamin-D3. Aha: Jetzt dämmert es. Könnte Vitamin-D3-Mangel einer Rolle bei der Entstehung einer RA spielen?

(Montag, 16.09.2013, Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer)

Sonnenuntergang beim Cafe del Mar in San Antonio, Ibiza. r-o-Foto: Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer

Die Indizien mehren sich: Ein Mangel an Vitamin D3 könnte eine Ursache bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen haben, wobei insbesondere systemischer Lupus erythematodes (SLE) und rheumatoide Arthritis (RA) in das Blickfeld der Wissenschaftler geraten.

Eine umfangreiche Studie aus Deutschland, die 2012 von einer Arbeitsgruppe des RHIO-Forschungsinstitutes Düsseldorf auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie in Bochum vorgestellt wurde (Hermsen et al 2012), präsentierte alarmierende Daten: Bei der überwiegenden Mehrzahl der untersuchten Patienten mit entzündlich-rheumatischen und immunologischen Systemerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis oder M. Bechterew (ankylosierende Spondylitis) war der Vitamin-D3-Spiegel im Blut (bzw. im Serum) zu niedrig, und bei 7,8% zeigte sich sogar ein schwerer Mangel. Was aber viel spannender war: Bei rheumatoider Arthritis fanden die Düsseldorfer Forscher einen inversen Zusammenhang zwischen Vitamin-D3-Serumspiegel und Krankheitsaktivität. Will heißen: Je niedriger der Vitamin-D-Spiegel, umso höher die Krankheitsaktivität. Patienten mit optimaler Vitamin-D3-Versorgung wiesen im Durchschnitt einen Krankheitsaktivitätsindex (DAS28) von 2,62 auf und befanden sich damit ganz nah an einer DAS-Remission (die als DAS28 < 2.6 definiert ist), während bei Patienten mit einem schweren Mangel ein mittlerer DAS von 3,71 gemessen wurde (was bei einem DAS > 3.2 einer unzureichend kontrollierten Krankheitsaktivität entspricht). Die Patienten unterschieden sich mit Ausnahme des unterschiedlichen Vitamin-D-Serumspiegels nicht voneinander, insbesondere bestanden auch keine Unterschiede bei der Therapie.

In einer Meta-Analyse werteten nun Rheumatologen aus Südkorea die vorliegenden größeren Studien zum Zusammenhang zwischen Vitamin-D3-Serumspiegeln und rheumatoider Arthritis aus. Sie bezogen sich dabei auf die Daten von 215.757 Teilnehmern aus drei Kohortenstudien, darunter 874 RA-Inzidenzfälle, d.h. Patienten mit einer neu aufgetretenen RA, von 2.885 RA-Patienten aus acht weiteren Studien sowie von 1.084 gesunden Kontrollpersonen.

Es zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Vitamin-D-Einnahme und dem Risiko, an einer RA zu erkranken. Personen mit der niedrigsten Vitamin-D3-Einnahme hatten ein um 24% erhöhtes RA-Risiko gegenüber Personen mit der höchsten Vitamin-D3-Einnahme. Mit Ausnahme von einer Studie fand sich zudem wie in der Düsseldorfer Studie ein umgekehrter Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Serumspiegeln und RA-Krankheitsaktivität.

Bislang ungeklärt ist, über welchen Mechanismus Vitamin D3 vor einer rheumatoiden Arthritis schützt bzw. warum ein Vitamin-D3-Mangel die Entstehung einer rheumatoiden Arthritis begünstigt. Zunehmend sicher ist aber die Erkenntnis, daß Vitamin D mehr ist als ein reines Knochenhormon. Unter den zahlreichen extraossären, außerhalb des Knochens ansetzenden Effekten ist seine Bedeutung für die Entstehung und den Verlauf von Autoimmunerkrankungen aus einer rheumatologisch-immunologischen Perspektive sicher mit am spannendsten. Anlaß für die Wissenschaft und Grundlagenforschung, sich intensiv weiter mit diesen neu entdeckten Wirkungen zu beschäftigen, und Anlaß für die praktisch tätigen Rheumatologen, noch intensiver auf Vitamin-D3-Mangel und einen entsprechenden Ausgleich bei unseren Patienten zu achten.

Da das Thema so wichtig ist, werden wir uns in Kürze in einem r-o-Special noch einmal eingehend mit Vitamin-D3 beschäftigen.

Referenzen:

  1. Song G., Bae S., Lee Y. (2012) Association between vitamin D intake and the risk of rheumatoid arthritis: a meta-analysis. Clin Rheumatol 2012;31:1733-1739 Link
  2. Zohreh Sabbagh, Janet Markland, and Hassanali Vatanparast Vitamin D Status Is Associated with Disease Activity among Rheumatology Outpatients Nutrients. 2013 July; 5(7): 2268–2275. Link
  3. Kostoglou-Athanassiou I, Athanassiou P, Lyraki A, Raftakis I, Antoniadis C. Vitamin D and rheumatoid arthritis. Ther Adv Endocrinol Metab. 2012 Dec;3(6):181-7 Abstract Volltext
  4. Gatenby P, Lucas R, Swaminathan A. Vitamin D deficiency and risk for rheumatic diseases: an update. Curr Opin Rheumatol. 2013 Mar;25(2):184-91. doi: 10.1097/BOR.0b013e32835cfc16. Link

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