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Biologika

Unter einem Biologikum, auch anglo-amerikanisch biological genannt, versteht man ein biotechnologisch hergestelltes Medikament, das auf eine „biologische“ Weise, d.h. durch einen gezielten Eingriff in körpereigene Funktionen und Mechanismen, das weitere Fortschreiten und die Ausbreitung von krankhaften Vorgängen im Körper verhindert. Ein solches Therapieverfahren nennt man eine biologische Therapie.

Einordnung

Als Biologika werden Arzneimittel bezeichnet, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts die vollkommen neue Medikamentenklasse der biologischen Medikamente begründeten. Mit der biologischen Therapie haben sie mit Beginn des neuen Jahrtausends einen Paradigmenwechsel bei der Behandlung insbesondere schwerer Erkrankungen eingeleitet und sind zentral für die therapeutische Revolution in der Rheumatologie verantwortlich.

Ihre Bezeichnung haben biologische Therapien daher, dass sie gezielt in körpereigene Vorgänge eingreifen und durch das Arzneimittel biologische Mechanismen der Krankheitsentstehung und der Krankheitsausbreitung spezifisch beeinflussen. Möglich wurde die biologische Therapie durch die rasanten Fortschritte in der Molekularbiologie und die neuen Herstellungsverfahren bei der Medikamentenproduktion.

Biologicals unterscheiden sich ganz wesentlich von anderen Medikamenten. Es handelt sich um Eiweißstoffe, die mit modernster Biotechnologie unter sehr hohem technischen Aufwand und unter Einsatz aufwendigster Entwicklungs- und Fertigungsmethoden hergestellt werden. Insofern sollten Biologika auch nicht mit Phytotherapeutika (pflanzlichen Arzneimitteln) oder anderen naturheilkundlichen Medikamenten verwechselt werden.

Es gibt verschiedene Klassen von Biopharmazeutika (Gerinnungsfaktoren, Hormone wie Wachstumshormon, Insulin, Wachstumsfaktoren wie Erythropoetin oder G-CSF, monoklonale Antikörper, Impfstoffe). Humaninsulin war 1982 das erste zugelassene Biologikum auf dem Markt.

Wirkungsweise

Der Wirkmechanismus der Biologika beruht darauf, entzündungsfördernde Botenstoffe des Immunsystems abzuwehren. Dies tun sie, indem sie diese Substanzen funktionslos machen oder aber ihre Bindungsstellen, an denen sie ihre Wirkung entfalten, belegen.

Biologische Therapien richten sich beispielsweise bei der rheumatoiden Arthritis darauf, die Entzündung durch den gezielten Eingriff in die Regulation immunologischer Reaktionen zu bekämpfen bzw. zu beenden. Sehr bedeutsam ist dabei eine Beeinflussung der sogenannten Zytokine, d.h. einer Art Botenstoffe, die beim Informationsaustausch von Zellen des Immunsystems eine besondere Rolle spielen.

Ein möglicher Weg ist dabei die medikamentöse Verabreichung von Substanzen, die in ihrer Zusammensetzung natürlichen Entzündungshemmern entsprechen, z.B. biotechnologisch hergestellte Kopien von körpereigenen entzündungshemmenden Stoffen.

Ein anderer Weg ist die Herstellung von Medikamenten, die gezielt körpereigene Entzündungsstoffe ausschalten. Ein typisches Beispiel für diesen Wirkmechanismus sind Arzneimittel, die den körpereigenen, entzündungsauslösenden und entzündungsfördernden Botenstoff TNF-alpha blockieren und damit das weitere Fortschreiten und die Ausbreitung einer rheumatischen Entzündung hemmen.

Biologikatherapie in der Rheumatologie

Biologika wirken schneller als die klassischen Basistherapeutika (sog. DMARDs = Disease Modifying Antirheumatic Drug). Sie werden im Gegensatz zu diesen als DCARD (= Disease Controlling Antirheumatic Drugs) oder bDMARDs (biologische DMARDs) bezeichnet. Da sie in das Geschehen des Immunsystems eingreifen, bewirken sie immer auch eine gewisse Abwehrschwäche, so dass der Körper verstärkt zu Infektionen neigt. Dabei kann auch eine abgelaufene Infektion wieder entfacht werden. Daher ist es erforderlich, vor Beginn einer Therapie bestimmte Infektionen wie Tuberkulose oder Hepatitis auszuschließen.

Biologika können nicht als Tablette eingenommen werden, da die Magensäure die Eiweißstruktur der Medikamente zerstören würde bzw. da die Wirksubstanzen zu groß sind, um von der Schleimhaut des Magendarmtrakts nach dem Schlucken aufgenommen zu werden. Die Anwendung von Biologika erfolgt daher immer als Spritze.

Häufig werden Biologika zusammen mit Methotrexat verordnet, da das MTX die Wirkung der Biologika verstärkt, nicht nur zuletzt dadurch, dass es verhindert, dass der Körper Antikörper gegen das Biologikum entwickelt.

Man kann die Biologika in der Rheumatologie abhängig von ihrem Wirkprinzip in drei verschiedene Gruppen unterteilen:

  1. Eiweiße gegen Entzündungsbotenstoffe (Zytokine) oder ihrer Bindungsstellen

  2. Eiweiße, die die T-Lymphozyten-Aktivierung behindern (Kostimulationshemmer)

  3. Eiweiße, die B-Lymphozyten zerstören

Zusätzlich folgt die Namensgebung der Biologika einer gewissen Systematik. Dabei gibt die Wortendung Rückschluss auf ihre Struktur.

  1. Handelt es sich um biotechnologisch hergestellte Antikörper, so weisen sie die Endung –mab vor (monoclonal antibody)

  2. Die Endung –ximab steht für chimärer Antikörper, das heißt, dass der sogenannte variable Teil des Antikörpers aus Mausprotein besteht

  3. Die Endung –zumab bedeutet humanisierter Antikörper, das heißt, dass nur die Antigenbindungsstellen Mausprotein sind

  4. Die Endung –umab deutet, dass beim Herstellungsprozess die Mausproteinbestandteile durch menschliche Eiweißmoleküle ersetzt werden konnten.

Je weniger Mauseiweiß in dem Antikörper vorhanden ist, desto besser ist es verträglich, da das Mauseiweiß vom menschlichen Organismus als fremd erkannt wird und seinerseits eine Immunantwort hervorrufen kann. Der Körper bildet dann wiederum Antikörper gegen das Mausprotein. Dabei kann es zu Unverträglichkeiten und allergischen Reaktionen kommen.

In der Rheumatologie eingesetzte Biologika und zugelassene Indikationen

 In Deutschland und in der EU sind die folgende Präparate für die genannten Indikationen zugelassen (Stand: Juli 2015): 

Wirkstoff

Handelsname und Zulassungsjahr

Wirkmechanismus

Indikationen und Studien

Etanercept

Enbrel (Pfizer) 2000

TNF-Alpha-Blockade

Künstlicher, löslicher TNF-Alpha-Rezeptor

RA (TEMPO, COMET, DUO, ADORE, RADIUS)

JIA (ab 2 Jahren)

SpA

PsA

Pso (ab 6 Jahren)

Infliximab

Remicade (MSD) 2000

Inflectra (Hospira)
2015

Remsima (Celltrion)
2015

TNF-Alpha-Blockade

Chimärer TNF-Alpha-Antikörper

RA (ATTRACT, ASPIRE)

SpA (ASSERT)

PsA (IMPACT)

Pso (SPIRIT, EXPRESS)

M. Crohn (ab 6 Jahren; ACCENT)

Colitis ulcerosa (ab 6 Jahren; ACT)

Anakinra

Kineret (Swedish Orphan Biovitrum) 2002

Interleukin-1-Blockade

RA

CAPS (ab 8 Monaten)

Adalimumab

Humira (Abbvie) 2003

TNF-Alpha-Blockade

RA (ARMADA, ATTRACT)

JIA (ab 2 Jahren)

SpA (ATLAS)

PsA

Pso (ab 4 Jahren)

M.Crohn

Colitis ulcerosa

Rituximab

Mabthera (Roche) 2006

Reduktion von B-Lymphozyten

Chimärer Antikörper gegen CD20-positive B-Lymphozyten

RA (REFLEX, IMAGE, MIRROR, SERENE)

Granulomatose mit Polyangiitis

Mikroskopische Polyangiitis

(RITUX-VAS, RAVE, MAINRITSAN)

Non-Hodgkin-Lymphome

Chronisch lymphatische Leukämie

Abatacept

Orencia (Bristol-Myers Squibb) 2007

Hemmung der T-Lymphozyten-Aktivierung durch Kostimulationsblockade

RA (ATTAIN)

JIA (ab 6 Jahren, AWAKEN)

Tocilizumab

RoActemra (Roche) 2009

Interleukin-6-Blockade

RA (AMBITION, LITHE, OPTION, TOWARD, RADIATE)

JIA (ab 2 Jahren)

Certolizumab

Cimzia (UCB Pharma SU) 2009

TNF-Alpha-Blockade

RA (PAPID I, II)

SpA (AS 001)

PsA (PsA 001)

Golimumab

Simponi (Janssen Biologics, deutscher Vertreter MSD) 2009

TNF-Alpha-Blockade

RA (GO-FORWARD, -BEFORE, -AFTER)

PsA (GO-REVEAL)

SpA (GO-RAISE)

Colitis ulcerosa (PURSUIT-INDUCTION, -MAINTENANCE mit Aufsättigungsdosis)

Ustekinumab

Stelara

(Janssen Cilag) 2009

IL-12/23-Blocker

Pso (PHOENIX, ACCEPT)

PsA (PSUMMIT)

Secukinumab

Cosentyx

(Novartis) 2015

IL-17-A-Blocker

Pso (FUTURE)

Abkürzungen:

RA: rheumatoide Arthritis
JIA: juvenile idiopathische Arthritis 
SpA: Spondyloarthritiden
PsA: Psoriasisarthritis
Pso: Psoriasis (Schuppenflechte)


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